01 - Bittersüß

 Es ist das erste Weihnachten in Indien für die Familie Sterling, oder für die, die noch übrig sind. Während John noch immer in Kanpur in Haft sitzt, überlegt seine Frau Sophie, wie sie die Feierlichkeiten für alle erträglich gestalten und gleichzeitig Mataji zeigen kann, dass sie jetzt bei ihnen für immer ein Zuhause hat. Die Lösung: Viktorianischer Früchtekuchen, eine Palme als Weihnachtsbaum und indisches Süßgebäck. 

 

 Sophie hätte sich niemals träumen lassen, Weihnachten einmal in einer anderen Stadt als London zu verbringen, geschweige denn in einem anderen Land als England. Und nun war es der 24. Dezember, und sie befand sich so weit von zuhause entfernt wie niemals zuvor. Dass es der 24. Dezember war, wusste sie auch nur, weil Emily sie am Morgen darauf aufmerksam gemacht hatte. Das Mädchen schien die Tage der Woche und das genaue Datum besser im Gedächtnis zu behalten als Sophie, die zu sehr davon eingenommen war, dass es in diesem Land zu heiß, zu laut und zu staubig war. Sie brauchte lange, um sich daran zu gewöhnen, dass das Land, in dem sie sich befand, anders war als England. Ob dort schon Schnee lag? Emily vermisste den Schnee und war traurig, dass sie hier im Winter ohne ihn würde auskommen müssen. Zuhause in England schneite es im Winter viel und oft, und es hatte in Sophies Erinnerung kein Weihnachten gegeben, an dem die Welt draußen nicht unter einer dicken weißen Decke verschwunden war, während sie drinnen Äpfel im Kamin geröstet hatten und es im ganzen Haus nach Zimt und all den anderen leckeren Gewürzen roch. Wenigstens das war etwas, das sie auch hier nicht würde vermissen müssen: Die verschiedenen Gewürze, die sie auf dem Markt in der Mitte von Kanpur so einfach und wesentlich günstiger erstehen konnte als zuhause in London. Sie hatte Will auf den Markt geschickt und der war wenig später mit einem ansehnlichen Stück Rinderhüfte zurückgekommen, dazu Kartoffeln, Möhren und etwas anderes, das Sophie nicht kannte und das Mataji als Yamswurzel identifiziert hatte, die in einer Suppe oder geröstet fantastisch schmeckten. Sophie hatte nicht widersprochen. Sie hatte genug damit zu tun gehabt, alle Kräuter und Gewürze, die sie benötigen würde, zusammenzusuchen. Schließlich ging sie zusammen mit Mataji noch einmal los, während Vijaya und Santosh abkommandiert wurden, auf Emily aufzupassen, weil Will die Aufräumarbeiten im Stadtzentrum beaufsichtigen musste. Sophie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn zu dem Fest einzuladen. Nicht ausschließlich, weil dieser sonst an Weihnachten allein gewesen wäre. Wenn sie es sich eingestand, wollte sie ihn dabei haben, weil sie John vermisste. Der saß immer noch im Gefängnis der Garnison in Kanpur, und so oft sie in den letzten Tagen bei Blackburn gewesen war und ihn angefleht hatte, ihn gehen zu lassen, so oft war sie abgewiesen worden. Nichts, was sie gesagt hatte, hatte ihn dazu gebracht, sein Urteil zurückzunehmen. Schließlich hatte sie ihn angeschrien und versucht, auf ihn loszugehen, mit bloßen Fäusten auf ihn einzuschlagen, weil sie sich nicht anders zu helfen gewusst hatte, aber auch das hatte ihn nicht erweicht. Es hatte lediglich dafür gesorgt, dass er sie von zwei Soldaten hatte herauswerfen lassen. Männer, die sie nie vorher gesehen hatte und die sie nicht kannte. Normalerweise kannte sie jeden Soldaten in Blackburns Regiment wenigstens vom Sehen, aber diese Soldaten waren ihr fremd gewesen. Weil es das Regiment nicht mehr gab. Jake, Will und John waren die Einzigen, die das Massaker am Sati Chaura Ghat überlebt hatten. Und Charlie. Und Charlie war … eine weitere Sache, die sie Nacht für Nacht in ihre Gebete einschloss. Sie betete, dass John aus dem Gefängnis freikam, dass der Krieg aufhörte und dass Charlie wieder auftauchte. Dass sie alle zusammen wieder nach Hause kamen, auch wenn das hieß, Mataji, Santosh und Vijaya zurückzulassen und nie wieder zu sehen. Sophie hatte langsam angefangen, sich mit den Tieren zu arrangieren, auch wenn sie vor Santoshs Größe immer noch Respekt hatte und Vijaya ihr nicht geheuer war, mochte sich das Tigerweibchen auch noch so oft vor ihr auf den Boden werfen, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Und nun saß sie an dem schweren Küchentisch aus massivem Eichenholz, den sie aus den Räumlichkeiten der Schanze gerettet hatten, in der Will, Blackburn und die anderen Soldaten eingesperrt worden waren, bevor man sie hatte hinrichten lassen. So oft Sophie an diesem Tisch saß, versuchte sie, nicht daran zu denken, dass der Tisch einmal jemandem gehört hatte, der in diesem Gebäude gestorben war. Sie fuhr mit dem Finger die Kratzer auf der Oberfläche nach, die die jahrelange Benutzung dort hinterlassen hatten, dann wanderte ihr Blick über die Schalen, Beutel und sorgfältig mit Tüchern abgedeckten und mit Bändern verschlossenen Gläser, die verschiedene kandierte Früchte enthielten. Sie glitzerten wie Juwelen, wenn das Sonnenlicht im richtigen Winkel durch das Fenster fiel, vor dem sie standen. Kandierte Kirschen zu bekommen, war mehr oder weniger unmöglich gewesen, dafür hatte sie kandierte Ananas bekommen, frische Mandeln, kandierte Zitronen und getrocknete Mango, die sie hastig vor Santoshs neugierigem Rüssel hatte in Sicherheit bringen müssen, sobald der Duft der Früchte durch das Tuch gedrungen war, mit dem das hohe Glasgefäß abgedeckt worden war, in dem sich die leuchtend gelben Stücke befanden. Feigen und Datteln hatte sie erstanden, weißes Mehl und eine Sorte, die ein bisschen gelblicher war und von der Mataji sagte, dass es sich dabei um Kichererbsenmehl handelte. Sie hatte einen großen Sack voll davon erstanden, und als Sophie sie gefragt hatte, was sie damit zu tun gedenke, hatte Mataji wissend und geheimnisvoll gelächelt und gesagt, sie werde schon sehen. Sophie wusste nicht, ob ihr diese Aussage geheuer war, immerhin hatte sie erlebt, wie Mataji ein Gemüsecurry zubereitet hatte, nach dessen Verzehr sie zwei volle Tage lang nichts mehr geschmeckt hatte, weil es so scharf gewesen war. Nun stand der Sack mit dem Mehl in der Vorratskammer, weit genug oben auf einem Regalbrett, dass die Mäuse nicht an ihn herankamen. 

Seufzend stand Sophie auf und ging in die Vorratskammer. Mataji war mit Emily draußen, und an dem dunklen Umriss, der einen Schatten auf den Tisch und die Dinge warf, die sich darauf befanden, erkannte sie, dass die beiden nicht allein waren. Santosh war bei ihnen und als sie näher an das Fenster ging, um hinauszuschauen, sah sie, dass die beiden sich ein wenig Obst und Gemüse organisiert hatten, das der Elefantenbulle ihnen abwechselnd vorsichtig aus den Händen nahm. Die Ohren wedelten entspannt, ab und zu schlug der lange dünne Schwanz mit der Quaste aus starren, drahtigen Haaren nach einer Fliege, die sich auf seiner Flanke niederlassen wollte. Sophie schaute sich um und entdeckte Vijaya, die dösend im Schatten des Hauseingangs lag. Den Kopf auf den Vorderpfoten abgelegt bewachte sie die Umgebung. Nicht, dass da nicht Santosh gewesen wäre, der jede Gefahr meilenweit gegen den Wind roch und die beiden Mädchen beschützen würde, sollte das nötig sein. Sie schaute den beiden Mädchen einen Moment länger versonnen zu. Schließlich schien das letzte Stück Banane in Santoshs Maul verschwunden zu sein, und Mataji zeigte Santosh zum Beweis den leeren Obstkorb. Wider besseren Wissens tastete der Rüssel über den Boden des Korbs, dann zog er sich enttäuscht zurück und das Tier schüttelte mit einem Schnauben den Kopf. Sophie konnte durch die Scheibe nicht hören, was Mataji zu dem Elefanten sagte, aber Emilys glockenhelles Lachen hörte sie. Sie warf einen Blick zum Hauseingang, wo Vijaya schläfrig die Lider öffnete, bevor sie so weit gähnte, dass man ihre fingerlangen Eckzähne deutlich sehen konnte. Sophie fröstelte. Sie rieb sich die Oberarme, obwohl es draußen zu heiß war für die Festlichkeiten, die heute gefeiert werden wollten. 

Sie ließ den Blick über die vielfarbigen kandierten Früchte in ihren Glasgefäßen gleiten und atmete tief durch. Zeit, das beste aus der gegenwärtigen Situation zu machen. 

Fünf Minuten später hatte sie sich ein ungnädiges Blinzeln von Vijaya eingefangen, weil sie sie dabei gestört hatte, ihr Nickerchen im Schatten fortzusetzen, und Mataji und Emily befanden sich wieder im Inneren des Hauses. Sophie schaute sich in der Küche um. 

“Mataji, ich habe mir etwas überlegt”, sagte sie und wandte sich zu den beiden Mädchen herum, die sie erwartungsvoll anschauten. Nun, Emily schaute erwartungsvoll, Mataji sah eher aus, als erwarte sie eine Bestrafung. Sophie spürte, wie eine Welle des Mitgefühls in ihr aufwallte. Die junge Frau sprach nie über ihre Familie oder was dazu geführt hatte, dass sie sie verstoßen hatten. Von John wusste Sophie, dass die Dorfbewohner, allen voran Matajis eigener Vater, versucht hatten, die junge Frau auf dem Scheiterhaufen hinzurichten, weil sie geglaubt hatten, sie könne sich mit Vetala verständigen. Sophie fragte nicht, aber sie sah Mataji an, dass dort irgendetwas war. Sie sah es in dem wehmütigen Blick, den Mataji immer dann zur Schau trug, wenn sie sah, wie liebevoll sie selbst mit Emily umging, und wann immer sie glaubte, Sophie sehe nicht hin. Jedes Mal zog sich dabei Sophies Herz schmerzhaft zusammen und sie wünschte sich nichts mehr, als dem Mädchen ein bisschen von der Wärme und dem Zusammengehörigkeitsgefühl zurückzugeben, das sie zu vermissen schien. Was könnte dazu besser passen als eine kleine Plätzchenbackeinheit? 

“Jaaah?”, fragte Mataji mit einem Unterton in der Stimme, der deutlich machte, dass sie erwartete, für ein Fehlverhalten bestraft zu werden. 

“Ich dachte, wir könnten … nun, in England würden wir jetzt Weihnachten feiern.” 

Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, wusste sie, dass Mataji es nicht aufnahm, wie sie es sich ausgemalt hatte. 

“Und? Ist das ein Versuch, mir deine Bräuche und Gepflogenheiten näher zu bringen?”, fragte die junge Frau mit gerunzelter Stirn. Sophie spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen. Natürlich hatte es so wirken müssen. Natürlich musste Mataji denken, dass Sophie diese Aktivität vorschlug, um ihr ihren Glauben aufzuzwingen. Sie biss sich auf die Unterlippe. Natürlich konnte sie sich denken, woher dieses Misstrauen kam. Aber sie hatte sich solche Mühe gegeben in den letzten Wochen, Mataji zu zeigen, dass kein Grund bestand, misstrauisch zu sein. Niemand wollte sie bekehren oder ihr einen Glauben, Bräuche und Lebensweisen aufzwingen, die nicht ihre eigenen waren. Aber was sprach denn dagegen, ein paar neue Bräuche kennenzulernen? 

Sie seufzte und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte. 

“Nein … ich … sieh mal, du hast mir vor ein paar Wochen bereitwillig gezeigt, wie man bei euch Diwali feiert, und da dachte ich, du möchtest im Gegenzug … ich weiß nicht.” 

Sophie hielt inne und biss sich auf die Unterlippe, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie Mataji beschämt den Kopf senkte, wohl weil ihr aufging, dass sie einen falschen Schluss gezogen hatte und sich dafür schämte. Dabei musste sie das nicht. Sie musste ihr Misstrauen ablegen, und dabei wollte Sophie ihr helfen, so gut sie es konnte. Oder Mataji es zuließ. 

Sie lächelte sanft und legte der jungen Frau eine Hand auf die Schulter. Erstaunlicherweise zog Mataji sich nicht wie sonst vor diese Berührung zurück. 

“Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Handel machen? Ich zeige dir, wie man echten britischen Früchtekuchen backt, und dafür zeigst du mir, wie man … wie heißen nochmal diese kleinen Bällchen? Die, die du neulich zum Nachtisch gemacht hast?”, fragte sie und wartete geduldig ab, bis Mataji sich wieder traute, etwas zu sagen. 

“Laddus”, murmelte sie in Richtung des Fußbodens. 

“Ja, richtig. Die waren lecker. Und vielleicht können wir uns gemeinsam überlegen, was wir kochen möchten. Ich glaube nicht, dass wir eine Tanne bekommen, aber …” 

Mataji hob neugierig den Blick und ihre grünen Augen musterten Sophie fragend. 

“Eine Tanne? Wofür brauchen wir die?” 

Wenn Sophie ehrlich war, wusste sie das selbst nicht so genau, zumindest nicht, wenn man die Frage wörtlich interpretierte. “Na ja … man braucht sie nicht. Es … das ist schwer zu erklären.” Sophie nahm die Gläser mit den kandierten Früchten und ordnete sie neu an, wie um damit ihre Gedanken zu sortieren. Insgeheim hoffte sie, Mataji erklärte sie für ihre nächsten Worte nicht für verrückt. 

“Du weißt, dass Großbritannien von einer Königin regiert wird, oder?”, fragte sie und zog die Gläser mit den Früchten näher zu sich heran, wie um sie zu inspizieren. 

Mataji nickte leicht. 

“John hat sie gegenüber Begum Jehan erwähnt. Queen Victoria, nicht?” 

Sophie nickte, wandte sich zu einem der Schränke herum und holte eine Schlüssel und einen Löffel aus der Schublade darüber hervor. Dann öffnete sie die Gläser mit den kandierten Früchten. 

“Genau. Nun, die Queen ist immer bestens darüber informiert, was die neueste Mode ist. Seit ein paar Jahren steht im Palast jedes Jahr im Dezember eine große Tanne, die von den Bediensteten der Königin mit bunten Kugeln aus Glas und anderen Dingen geschmückt wird. Sie stecken Kerzen auf die Zweige, die sie dann anzünden, und es sieht sehr schön aus, zumindest auf den Bildern, die davon manchmal in der Zeitung zu sehen sind. Ich war nicht im Palast der Königin und bezweifle, dass ich jemals einen Fuß dort hineinsetzen werde.” 

Konzentriert maß Sophie mehrere Löffel der kandierten Früchte ab und gab sie in die Schüssel. 

“Im Schrank im Wohnzimmer müsste eine Flasche Rum sein, die Will letzten Monat mitgebracht hat. Holst du sie mir?”, fragte sie an Mataji gewandt, die nickte und loszog, um die gewünschte Flasche zu holen. Kurz darauf wurde das Glasgefäß mit der bernsteinfarben gluckernden Flüssigkeit vor ihr abgestellt. 

“Warum solltest du nicht in den Palast dürfen?”, fragte Mataji, als sei es das Normalste der Welt. Sophie wusste, dass sie gemeinsam mit John und Charlie in den Palast der Begum Sikandar Jehan eingeladen worden war. 

“Nun ja, es … es müsste schon etwas Außergewöhnliches passieren, damit … ich glaube nicht, dass das … holst du mir das Mehl aus der Vorratskammer?”, fragte Sophie stattdessen, weil ihr keine plausible Antwort einfallen wollte, abgesehen von der, dass die Personen, die für die Sicherheit der Königin zuständig waren, vermutlich zu große Angst hatten, dass die Königin von einem einfachen Bürger getötet wurde. Aber für den Moment wollte sie sich nicht mit den Gedanken an Folter oder Tod aufhalten. Sie wollte Früchtekuchen backen. 

Mataji holte das Mehl und schaute Sophie dann interessiert dabei zu, wie sie die Früchte in eine Schüssel gab und mit dem Rum übergoss. 

“Das gibt den Früchten ein besonderes Aroma. So, jetzt muss das hier ein bisschen durchziehen. Möchtest du den Teig machen, wenn ich dir zeige, wie es geht?”, fragte Sophie und sah erfreut, wie Mataji nickte. 

“Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man dieses Gebäck zubereitet, da war ich ungefähr in Emilys Alter. Hat deine Mutter …”, Sophie hielt inne. Noch ein Thema, das eine Art konversationelles Kriegsgebiet war, bedachte man, dass ihre Mutter Mataji verstoßen hatte. 

Mataji verzog keine Miene. 

“Sie hat mir beigebracht, wie man Laddus macht und wie man Naan und Roti backt, wie man Pakoras und Samosas zubereitet und all diese Dinge. Wie man das zarteste Hühnchencurry kocht. Deswegen konnte ich in der Wildnis überleben. Ohne Vijayas Jagdkunst, mein Wissen über das Kochen und Santoshs gute Nase für Obst mitten im Dschungel wären wir auf unserer Reise ein wenig aufgeschmissen gewesen.” Schweigend arbeiteten sie eine Weile nebeneinander. Mataji wog Mehl und Zucker ab, schlug Eier und Butter auf und verrührte alles zu einem glänzenden, geschmeidigen Teig. Sie gab gemahlenen Zimt und andere Gewürze dazu, wie Sophie sie anwies. 

“Als ich klein war, habe ich manchmal von den Trockenfrüchten genascht, bevor sie in den Teig kamen, und meine Mutter hat mit mir geschimpft, weil sie ja in Rum eingelegt waren”, erzählte Sophie mit einem selig hintergründigen Lächeln. Mataji lachte auf. 

“Hat es sich gelohnt?”, fragte sie und angelte ein eingelegtes Stück Ananas aus der Schale. 

“Sehr”, erwiderte Sophie lachend und nahm sich ebenfalls ein Stück. Sie reichte Mataji eine Schüssel mit ganzen Mandeln an und sah zu, wie sie sie unter den Teig hob, anschließend kamen die Früchte dazu. 

“Einmal bin ich nachts aufgestanden und habe die ganzen Laddus, die ich am Abend zusammen mit meiner Mutter gerollt hatte, aufgegessen. Am anderen Morgen war meine Mutter hellauf entsetzt”, steuerte Mataji ihrerseits eine Anekdote bei, die Sophie sanft lächeln ließ. Das klang durchaus wie etwas, das die kleine Mataji tun würde. 

“Hast du Ärger bekommen?”, fragte sie mit einem amüsierten Seitenblick. Mataji unterdrückte ein Grinsen, während sie die Rumfrüchte zu der Schüssel mit dem Teig gab und sie unterrührte. “Keinen, zumindest nicht für das Essen der Laddus. Ich hatte die Schüssel vorsorglich auf die Fensterbank unter dem geöffneten Fenster gestellt und als meine Mutter am nächsten Morgen die leere Schüssel vorfand, sagte ich ihr, eines der Äffchen, die den ganzen Tag durch das Dorf streifen, hätte die Schüssel geleert. Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat oder nicht, aber immerhin wurde ich nicht bestraft.” 

Sophie lachte und Mataji fiel in das helle Lachen mit ein. “Während der Kuchen im Ofen ist, sollten wir also darauf achten, die Schüssel nicht in der Reichweite von Äffchen aufzubewahren?”, fragte Sophie und dachte daran, dass sie John diese Geschichte würde erzählen müssen, wenn sie ihn morgen in seiner Zelle besuchte. Wenigstens das hatte sie mit Blackburn aushandeln können. Ein Besuch an Weihnachten. Sie würde ihm ein paar Stücke von dem Früchtekuchen mitbringen und von den Laddus. 

“Oder in der Nähe von Elefanten”, grinste Mataji, während sie Feuerholz in den Ofen schob und diesen anzündete. Der Kuchenteig kam in seine Form und sie holten Emily, damit diese ihnen half, die Oberfläche des Kuchens mit einem Muster aus Ananasstücken, Mandeln und Mangostreifen zu dekorieren. Sophie grinste, konnte sie sich doch durchaus vorstellen, dass Santosh ebenfalls Gefallen an den kleinen Kugeln aus Kichererbsenmehl mit Kokosflocken und Rosenwasser gefunden hätte. Sie schoben den Kuchen in den Ofen, dann zeigte Mataji Sophie, wie man den Teig für Laddus anrührte. Anschließend standen sie einträchtig nebeneinander an der Küchenanrichte, während Emily sich wieder zurückgezogen hatte, um mit ihren Stofftieren zu spielen. Mataji hatte ihr versprechen müssen, sich später all ihre Kuscheltiere zeigen zu lassen. John hatte seiner Tochter bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein neues geschenkt, ein paar hatte Sophie genäht. Und als sie vor ein paar Tagen überall im Haus aufgeräumt hatte, hatte Sophie im Wohnzimmer einen Haufen unfertig zusammengenähten Stoffs gefunden, der nicht gefüllt gewesen war, aber eindeutig die Umrisse eines Elefanten gehabt hatte. Es schien, als würde Emily zu Weihnachten ein neues Spielzeug bekommen. 

“Du hast vorhin etwas von einem Baum gesagt. Wenn es keine Tanne gibt, könnte man auch etwas anderes nehmen?”, fragte Mataji und ordnete die Laddus, die sie rollte, auf einem großen Teller zu einer Pyramide an. 

Sophie musterte sie prüfend. 

“Was schwebt dir denn vor?” 

 

 

Später an diesem Tag, als die Sonne hinter den Türmen und Zinnen der hohen Gebäude von Kanpur versank, stellte Sophie ein paar mannshohe Palmwedel, die Santosh gebracht hatte, in eine große Vase. Es war kein Weihnachtsbaum, aber es war gerade deswegen das schönste, das Sophie seit langem gesehen hatte. Sie hatten gekocht und gegessen, Will hatte sich verabschiedet und war gegangen. Santosh und Vijaya hatten sich in den Wald zurückgezogen, und das ließ Mataji, Sophie und Emily übrig. Mataji hatte bunte Windlichter aus Glas angezündet und rund um die Vase mit den Palmwedeln auf den Boden gestellt, wo sie vielfarbige Lichtkreise auf den gefliesten Steinboden warfen. Sie hatten lange zusammengesessen und geredet, über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, so düster diese auch aussehen mochte. 

“Weißt du, ich weiß, ich war skeptisch, was neue Bräuche oder dergleichen angeht, aber wenn wir dieses Weihnachten jedes Jahr feiern könnten, würde mir das gefallen”, sagte Mataji. Sie saß im Schneidersitz auf dem Boden und betrachtete, wie die Palmwedel sanfte Muster aus Licht und Schatten in die bunten Lichtkreise malten. 

Sophie legte ihr einen Arm um die Schulter und drückte sie sanft an sich. 

“Wenn du das möchtest, können wir das gern tun.”